Wie schaffen wir wieder eine volksnahe Politik?
18. Mai 2009
Uh, oh. Ja, das ist ein politischer Artikel. Aber keine Sorge, er ist nicht real. Ich träume nur etwas vor mich hin, okay?
Die Problemstellung
Ich saß letztens mit einem Kumpel im Salve und wir schütteten uns gegenseitig unsere Herzen über die grimme politische Situation in Deutschland aus. Ausgehend von unserer Ratlosigkeit, welche der zur Verfügung stehenden Parteien für uns noch guten Gewissens wählbar seien, arbeiteten wir uns bis an das Kernproblem heran.
Mein Problem mit der aktuellen politischen Lage ist einfach: ich habe den Eindruck, dass die Politiker den Bezug zu den von ihnen regierten Personen verloren haben. Ich bin der Ansicht, dass meine Interessen weder verstanden noch beachtet werden – im Gegenteil: Es häufen sich die Fälle, in denen meines Erachtens nach groteske Gesetzesentwürfe entstehen, die wichtige Grundrechte bedrohen.
Vielleicht liegt es an mir. Aber vielleicht sehen das andere genauso. Wie kommen wir aus dieser Situation wieder heraus? Hier die Vision, die auf einer Serviette im Salve entstand.
Im Interesse des Volkes
Hier einige grudsätzliche Annahmen:
- Bürger haben gewisse Interessen und Anliegen, die ihnen am Herzen liegen
- Die Aufgabe von Politikern (als Volksvertreter) ist es, diese Interessen und Anliegen aufzunehmen und im Interesse aller Bürger umzusetzen
- Dabei haben unterschiedliche Bürger auch unterschiedliche Interessen
- Ebenso wie Politiker bestimmte Vorlieben und Ressorts haben, sich um Bürgerinteressen zu kümmern, die ihnen ihrerseits am Herzen liegen
- Bürger wählen die Politiker, von denen sie glauben, dass sie ihre Interessen am besten vertreten
Also wie wäre es mit einer Plattform, die diesen Prozess abbildet?
Die Plattform
Man nehme eine Plattform, an der sich registrierte und eindeutig identifizierte Bürger kostenfrei anmelden können. Auf dieser Plattform können sie ihre Interessen angeben, unterteilt nach Kommunal-, Landes- und Bundesinteressen. Andere können diesen Interessen zustimmen, so dass gebündelte Interessenspakete entstehen.
Beispiele:
- 1.000 Bürger der Kleinstadt XY interessieren sich für einen neuen Spielplatz
- 15.000 Bürger der Stadt AB interessieren sich für die Renovierung des Freibads
- 55.000 Bürger interessieren sich für eine neue Grundschule im Landkreis”
- Und so weiter
Eindeutig identifizierte Politiker können sich kostenfrei an der Plattform anmelden.Es ist nicht möglich sich als Gruppe oder Partei anzumelden, sondern nur als Person. Die Politiker können sich zu den Interessenspaketen bekennen. Damit zeigen sie, dass sie sich für dieses Interesse einsetzen wollen. Sie sind also für die Bürger bei einer etwaigen Wahl interessant.
Als Instrument zur Verfolgung der Entwicklung gibt es periodische Auswertungen, seit wann ein Politiker sich zu einem Interessenspaket bekannt hat und was seit dem passiert ist. Man sollte annehmen, dass ein vernünftiger Bürger den Politiker wählt, der sich dazu bekannt hat seine Interessen durchzusetzen und dies anscheinend auch wirklich tut.
Kurz: die Bürger können ihre Interessen äußern und bekommen diese umgesetzt. Die Politiker bekommen einen direkten Draht zu den Interessen ihrer Wählerschaft und ihre Stimmen. Win-win.

Was soll diese Plattform nicht sein?
Die vorgestellte Plattform soll kein politischer Debattierclub sein. Es geht nicht darum die vorgestellten Interessen zu diskutieren, sondern sie nur zu äußern. Es sollte demnach auch keine Diskussionsmöglichkeit auf der Plattform selbst geben.
Die Plattform soll keine Politiker “bewerten”. Es geht nicht darum Schulnoten zu verteilen, sondern Transparenz durch Fakten zu schaffen. Auch bei den Auswertungen wird nur analysiert: zu welchen Interessen hat sich der Politiker vorab bekannt und welche sind davon in einer etwaigen Amtsperiode berücksichtigt worden?
Politiker sollen nicht zu Themen “Stellung nehmen”. Zunächst einmal bin ich nicht an noch einem Auspuff für politische Reden und Wahlwerbung interessiert. Und zum anderen laufen auch etwaige “Umfragen” oder “Fragebögen”, die Politikern zugesandt werden entweder ins Leere oder schnurstracks in die Presseabteilung.
Was würde diese Plattform erreichen?
Natürlich wird diese Plattform die aktuell Regierenden nicht interessieren. Ein Herr Schäuble oder eine Frau Merkel haben diese Plattform weder nötig noch werden sie sich von deren Existenz auch in irgendeiner Form beeinflussen lassen. Aber denken wir einmal weiter. Wie kommt man denn in deren Position?
Um ein hoher Politiker auf Bundesebene zu werden muss man sich lange Zeit nach oben gearbeitet haben. Auf diesem Weg ist man vielen Einflüssen und Hindernissen ausgesetzt und im Grunde ist es nicht wirklich machbar, ohne sich von irgendwelchen Personen oder Gruppen abhängig zu machen.
Aber: was wäre, wenn durch diese Plattform aufstrebenden Politiker direkt von den Bürgern unterstützt werden könnten? Wenn sie in regierende Positionen kommen würden aufgrund von Bürgern, die an sie glauben? Sie seit Jahren wählen, weil sie deren Interessen nachweislich durchsetzen? Kurz: die Plattform soll der neuen Generation von Politikern eine Startmöglichkeit geben, ohne sich in einer Partei nach oben kämpfen zu müssen. Ohne auf dem Weg dahin abhängig von Interessensverbänden, Lobbies, Gönnern oder Parteien zu werden. Ihnen einen direkten Draht zu ihren Wählern zu vermitteln.
Das wäre auch eine schöne Herausforderung an die ganzen nun auf Social Media abfahrenden Kommunal- und Landespolitiker. Ihr wollt einen wirklichen Dialog? Ihr wollt näher ans Volk? Bitte sehr. Ihr müsst nur die Interessen vertreten und im Gegenzug bekommt ihr deren Wählerstimmen.
Selbst wenn sich kein Politiker für bestimmte Bürgerbelange findet: eventuell werden bisher politisch unmotivierte neugierig, wenn sie sehen: “Hey, ich bin zwar kein Politiker, aber mal angenommen ich könnte das Problem von den Leuten hier lösen hätte ich schon einmal 3.500 Stimmen, immerhin 1/15 von meiner Kleinstadt. Was genau verdient nochmal ein Kommunalpolitiker?” Wieso nicht?
Fazit
Ich sage nicht, dass dies die Antwort ist. Möglicherweise ist es nur eine dumme Idee auf einer Serviette. Sehr wahrscheinlich ist sie das. Aber: wir sollten uns langsam Gedanken machen, wie wir aus der Kriese wieder heraus kommen. Ich selbst würde gerne wieder mit einem guten Gefühl Leute wählen können, hinter denen ich stehen kann. Auf die ich zeigen kann und sagen: “Das da ist mein Vertreter. Ich bin nicht immer seiner Meinung, aber alles in allem macht er einen guten Job.” Das kann doch nicht zu viel verlangt sein.
Also bitte: kommt heraus mit euren dummen Ideen. Werft sie in die Öffentlichkeit. Vielleicht ist ja etwas Interessantes dabei, das uns hilft die Politik wieder etwas transparenter und volksnäher zu gestalten. Vielen Dank.

18. Mai 2009 um 21:28
ja, super, Dirk. Melde mich noch ausführlich dazu.
19. Mai 2009 um 19:56
Schöne Idee Dirk, jetzt ein destruktiver Beitrag, resulierend seit Blüms “Die Renten sind sicher” und Kohls “Ich nenne die Namen der Spender nicht”.
Eine Anregung für ein vernetztes Monitoring der Langfristbeobachtung:
Beobachten, welche Überzeugungen die Politiker in ihrer aktiven Tätigkeit für den Bürger vertreten:
http://www.politiker-watch.de/nordrhein_westfalen-849-10.html
Dann kontrollieren wie sie letztendlich abstimmen:
http://www.politiker-watch.de/abstimmungen-346-0.html
Villeicht im Abspann nochmal schauen, wie sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen:
http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2007/11/heutige-lobby-jobs-des-letzten-rot-gruenen-kabinetts/
Zum Abschluß noch ein kleines Kontrastbeispiel dafür, wie weit mittlerweile weltfremde ordnungspolitische Regularien und der gesunde Menschenverstand auseinanderliegen:
Der gesunde Menschenverstand und real so abgelaufen:
Ein Kollege hatte seinen Nachbarn mehrfach darauf hingewiesen, das er seinen Hund beim alleinigen Gassigang im Dorf anleinen soll, weil sein Kind Angst vor dem Hund hat. Eines Tages hörte der Kollege Schreie auf der Straße. Der Hund stand zähnefletschend und angriffsbereit vor seinem Sohn, der gerade von der Schule nach Hause kam. Der Kollege, Mitglied im Schützenverein, lief in’s Haus, holte sein Waffe und rief wenig später seinen Nachbar an. Er könne nun seinen Hund mit der Schubkarre abholen…….
Der politisch korrekte Weg:
Hildesheim. Gut eine Woche, nachdem zwei Rottweiler in Bavenstedt zwei Mädchen und deren Mutter angefallen und schwer verletzt haben, ist noch unklar, ob die Hunde eingeschläfert werden.
Inzwischen ist der Landkreis offizieller Halter der Hunde, die nach dem Vorfall ins Tierheim gebracht worden waren. Die 39-Jährige Besitzerin hat eine Verzichtserklärung unterzeichnet und muss nun mit einer Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen. Kreisveterinär Dr. Bernd Wichern hat in der vergangenen Woche die Rottweiler von einem Hundepsychologen auf ihr Wesen testen lassen, um entscheiden zu können, ob sie wegen ihrer Gefährlichkeit eingeschläfert werden müssen. Das Ergebnis soll Mitte kommender Woche vorliegen. Die Staatsanwaltschaft hatte auf den Wesenstest bestanden und eine schnelle Einschläferung untersagt.
Ich glaube in Thailand würden solchen Kötern sofort das Felle abgezogen
Ich bin wütend Dirk, in unserem Land läuft vieles in eine sehr besorgnisserregende Richtung. Selbst ich, im mittleren Bereich der Gesellschaftspyramide bekomme langsam Angst. Wenn deine Idee, als stabilisierendes und vor allem politikverbesserndes Instrument hilft, …. lass den Gedanken konkrete Taten folgen
25. Mai 2009 um 08:10
Kann es sein, dass Du einen Schritt überspringst?
Wie wird aus einem Bürger ein Volksvertreter?
Für mich das Problem #1.
* Entinstitutionalisierung von Parteien!
* Ich will keine Listen wählen, sondern pro Kreis/Stadt ein MdB/MdL!
* Direktwahl des Bundeskanzlers!
Abgesehen davon: Für die kommunuale Ebene: Agenda 21 sollte ja genau das sein. Ich will nicht sagen, dass es nicht doch funktionieren könnte, aber solange in Gemeinden und erst Recht in den Städten seit Generationen die gleichen vier Familien das Sagen haben, wird sich an den Zuständen wenig ändern. Ich verstehe, dass Du genau hier ansetzen willst und eigentlich von Politik eher gelangweilte und genervte Leute motivieren willst. Mit den alten Bonzen wirds nicht klappen, die müssen langsam aber sicher ersetzt werden, und DANN kanns losgehen.