Am ersten Tag des Barcamp Mainz packte mich die tolle Atmosphäre und ich nahm mir vor am Sonntag ebenfalls eine Session anzubieten. Da das Publikum einen ordentlichen Anteil an User Experience Designern und -Interessierten hatte, dachte ich an ein Thema, das mich wieder einmal beschäftigt: “Was Applikationen von Spielen lernen können”.

Mit Game Design beschäftige ich mich bereits eine Weile, ebenso wie mit Information Design. Doch es war Dan Cooks Vortrag, der damals beides bei mir zusammenbrachte. Über eben jenen Artikel stolperte ich wieder letzte Woche und holte meine alten Gedanken und Skizzen hervor. Das Barcamp bot einfach nur einen tollen Rahmen einige Gedanken dazu in den Raum zu werfen und einen schnellen Reality Check zu bekommen.

Die Folien

Ergebnis der “Wer seid ihr”-Befragung war:

  • Etwa 75% der Session-Teilnehmer nutzen regelmäßig Desktop-Applikationen
  • Ebenfalls knapp 75% nutzen regelmäßig Web-Applikationen
  • Immerhin knapp 50% der Teilnehmer spielen Computerspiele
  • 5% spielen online Multiplayer-Spiele

Die Diskussion

Mit dem Vortrag selbst war ich wie gehofft nach etwa 20 Minuten durch, was genug Zeit für Diskussion lies. Während des Vortrags kam nur eine Zwischenfrage bezüglich der Sinnhaftigkeit von Karl Klammer. Auf ihn trifft letztendlich das gleiche Argument zu, wie auf Tutorials: das einzige, was der Benutzer durch Karl Klammer lernt, ist Popups ungelesen wegzuklicken. Wenn mein Ziel lautet: “Brief schreiben”, dann will ich nicht mit einem Screenmate reden.

In der anschließenden Diskussion war Motivation ein wiederkehrender Begriff – wieso werde ich nicht von meinen Applikationen motiviert, besser in ihrer Bedienung zu werden? Wie könnte mich eine Applikation eventuell dafür belohnen, dass ich sie besser beherrsche?

An dieser Stelle kam noch die Grundsatzfrage auf, ob Applikationen sich wirklich so direkt mit Spielen vergleichen lassen. Bei Spielen hat man automatisch eine Art Grundmotivation. Bei Applikationen (hier wurde das Beispiel MS Word herangezogen), will man vielleicht “nur schnell einen Brief schreiben und dann Word wieder zumachen”. Ok, aber ist es nicht Motivation genug den Brief schneller zu schreiben? Habe ich nicht immer die Motivation etwas stressfrei zu erledigen? Und je besser ich eine Anwendung beherrsche, desto einfacher geht mit die Arbeit von der Hand.

Es wurde viel über die Verbesserung von Hilfesystemen gesprochen. Ich denke aber nicht, dass Hilfesysteme unheimlich spannend sind. Spannend wird es meiner Ansicht nach, wenn die Applikation mir in dem Kontext hilft, in dem ich etwas lernen soll. Ein Hilfesystem ist immer ein Bruch der Tätigkeit. Was wäre aber, wenn die Applikation selbst mir bei der Erledigung meiner Arbeit helfen würde?

Ein Beispiel das aufkam war eine Applikation, die eine umständliche Bedienung des Benutzers erkennt und entsprechend reagiert. Konkret ging es dabei um Photoshop. Angenommen Photoshop würde erkennen, dass ein Benutzer die ganze Zeit Bilder aus einem bestimmten Ordner nacheinander öffnet, die Größe verändert, speichert und wieder schließt. Eigentlich könnte der Nutzer diese Aufgabe durch Makros automatisieren, aber anscheinend weiß er das nicht. Anstatt aber jetzt mit einem Popup zu kommen, wie wäre es, wenn die entsprechende Option in der oberen Werkzeugleiste / Fenstermenü anfangen würde zu leuchten. Wenn ich darauf klicken würde, wie wäre es dann mit einem Werkzeugfenster, dass mir erklärt wozu das Werkzeug ist und wozu ich es brauche: “Mit Makros können Sie Aufgaben, die Sie mehrfach durchführen wollen automatisieren. Hier sind die Einstellungen.”

In dem Beispiel sind 2 Dinge wichtig: erstens wurde der Benutzer nicht von der Applikation unterbrochen. Wenn er tatsächlich das leuchtende Icon geklickt hat, dann hat er sich bewusst dazu entschieden. Gemäß “Learning by Doing” hat er es selbst gemacht. Es wurde ihm nichts abgenommen oder vorgekaut, sondern er wurde nur zu den nötigen Schritten motiviert (Aktion), er hat darauf eine Reaktion erhalten (Stimulus) und ist dadurch seinem Ziel näher gekommen oder hat es erreicht (Progress!) – selbst wenn nicht, dann hätte er dennoch etwas gelernt.

Es gab viel Skepsis, aber das geht mir ja nicht anders. Ich weiß nicht, wie eine solche Vermischung von Game Design / Game UI und UX-, Interface- oder auch Information Design aussehen könnte. Aber ich denke viele der Session-Teilnehmer hatten wie ich das Gefühl, dass da etwas dran sein könnte. Es gibt durchaus einige Anwendungen, die hier und da spannende Einflüsse zeigen. Auch Human Computation geht in eine spannende Richtung, auf die man in diesem Zusammenhang ein Auge haben könnte.

Mein Fazit aus der Session

Ich glaube alle meine Beispiele greifen zu kurz. Ich glaube fest daran, dass wir Systeme haben könnten, die weit über das hinaus gehen, was wir uns im Moment so naiv vorstellen können. Tobolds hat gerade einen schönen Artikel über die aktuelle Lernkurve in WoW geschrieben. Natürlich geht es hier um ein Spiel, aber stellt euch einfach vor, er würde in dieser Form über Word / Excel / App XY reden.

Ich glaube fest daran, dass Anwendungen viel von Spielen lernen können und ich bin sehr gespannt darauf, was noch dabei herauskommt.

Vielen Dank an @svenkaemper, @DaSilentStorm, @humanized, @gmulder, @_iKet, @tiggerduck, @enie_lepeuc und allen anderen Teilnehmer für die tolle Diskussion – die Session hat wirklich Spaß gemacht.

Wenn ihr noch Anmerkungen oder Ergänzungen habt – bitte einfach in die Kommentare.

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5 Kommentare zu “UX: Was Applikationen von Spielen lernen können”

  1. Danc sagt:

    Wonderful presentation! I loved the pictures. I must admit that I used Google Translate to read blog post, but it appears you captured the essence of the ideas. Glad your talk went well.

    take care
    Danc.

  2. Dirk sagt:

    Danc, thank you for the nice words and for the inspiration your initial talk gave me (actually your entire blog gives me all the time).

    It was a blast throwing the idea into a room and talking it through, slapping around ideas and concepts. I think everybody liked it and took something from it.

    On a related note: do you know what happened to the video of your “Saving the Princess” talk? It seems it’s not available anymore.

    p.s. I just checked the Google translation and I’m impressed that you understood anything :)

  3. Sabine sagt:

    Hallo Dirk,

    ich habe gestern einen interessanten Artikel bei Mashable gefunden, da musste ich an deine Session denken. http://mashable.com/2009/12/03/lite-is-hot/
    Hier wird ausgehend von den “Lite”-Versionen von einigen Services das Prinzip Customization diskutiert.

    Viele Grüße,
    Sabine

  4. Der AUX-Eingang » Archiv » Ribbon Hero sagt:

    [...] Ich hatte vorgestern im Zug ein Gespräch im Zug, welches sich nach und nach über den ganzen Tisch erstreckte und wohl einige Reihen mit halbem Ohr zuhörten (Von Berlin nach Frankfurt hat man viel Zeit, auch wenn es der Sprinter ist). Es ging mal wieder um Usability von Applikationen vs. Computerspiele. [...]

  5. Der AUX-Eingang » Archiv » Social Networks als MMOs sagt:

    [...] Ich propagiere zwar immer, dass man Soziale Netzwerke eher wie Spiele sehen sollte, aber was Stevinho in seinem Artikel über Facebook schreibt, ist absolut großartig. Er schreibt [...]

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