Ich und die Anderen
16. Mai 2010
Ein Thema auf der Lift-Konferenz dieses Jahr war “Privatsphäre”. Seit der Konferenz geht mir das Thema immer wieder im Kopf herum. Einerseits, weil es wesentlich tiefer geht als ich dachte. Andererseits, weil man aktuell von allen Seiten damit förmlich bombardiert wird. Insbesondere Mark Zuckerberg hört nicht auf kontroverse Sätze in die Welt zu setzen:
“You have one identity… The days of you having a different image for your work friends or co-workers and for the other people you know are probably coming to an end pretty quickly… Having two identities for yourself is an example of a lack of integrity” – Zuckerberg, 2009
Falscher Ansatz, Zuck. Ich bin nur eine Person, aber ich bin gleichzeitig folgende Personas (Auszugsweise):
- Dirk, der Technische Projektmanager für Neue Digitale
- Dirk, der Game Designer
- Dirk, der Community Manager
- Dirk, der Demoszener
- Dirk, Offline
Das hat nichts mit mangelnder Integrität zu tun. Noch nicht einmal etwas mit privat und öffentlich, sondern mit unterschiedlichen Personenkreisen und Interessensgebieten. Ich spreche mit meinen Kollegen anders, als mit Kunden. Ich spreche mit Kunden anders, als mit meinen Eltern. Ich spreche mit meinen Eltern anders, als mit meinen Freunden und so weiter. Und trotzdem bin alles ich.
Ich persönlich habe gar nichts dagegen, wenn sich diese Welten überschneiden – solange niemand auf die Idee kommt, ich sei auf eine beschränkt. Bei meinen oben genannten Profilen ist wichtig zu erkennen, dass ich alle Profile gleichzeitig bin. Es ist nicht sinnvoll sich nur ein Profil herauszugreifen und zu sagen: “Das ist Dirk – er trägt immer Anzüge” oder “Dirk spielt die ganze Zeit nur Computerspiele”. Manchmal trage ich Anzüge, meistens nicht. Ich spiele gern und mag es zu programmieren, aber mein Leben beschränkt sich nicht darauf. So lange sich dessen jeder bewusst ist können meine Arbeitskollegen / unsere Kunden / meine Familie gerne lesen, wie ich mir komponentenbasierte Datenhaltung in PBBGs vorstelle - es wird sie aber wahrscheinlich nicht besonders interessieren.
Ich glaube nicht, dass diese Unterscheidung etwas mit meiner privaten oder öffentlichen Sphäre zu tun hat. Wenn ich meine verschiedenen Tätigkeiten in den unterschiedlichen Gebieten von einander trenne agiere nur als Vorfilter für die entsprechenden Interessensgruppen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Mark Zuckerberg seinen Geburtstag gleichzeitig mit seiner Familie, mit seinen Freunden, seinen Arbeitskollegen und seinen Ex-Kommilitonen feiert. Aha.
Aber vielleicht ist es ja sinnvoll bestimmte Gruppen auszuschließen. Vielleicht will ich nicht, dass Arbeitskollegen und Kunden bestimmte Demoszene-Produktionen von mir sehen. Immerhin kann ich nicht davon ausgehen, dass sie mit der Kultur und den Kommunikationsregeln der Szene vertraut sind und ein “Fuckings to Fairlight for trashing the VIP room without us” richtig einschätzen können – nämlich als freundlichen Gruß an eine Gruppe von Schweden, die uns während unseres Aufenthaltes dort bei sich hat wohnen lassen und uns die Stadt und Locations gezeigt haben. Vielleicht denken sie sogar, es ginge bei der “Demoszene” um durch die Straßen ziehende Krawallmacher anstatt um digitale Kunst. Vielleicht geht zwischen manchen Gruppen einfach zu viel Kontext verloren, so dass man als “Vorfilter” hier einfach etwas verantwortungsvoller agieren will, um Missverständnisse zu vermeiden.
Oder vielleicht macht es mir ja etwas aus, dass meine Ex-Freundinnen auf diese Weise noch informiert werden, wo ich gerade lebe und mit wem ich jetzt eine Beziehung habe. Vielleicht will ich auch nicht, dass meine aktuelle Freundin da hinein gezogen wird. Das ist bei mir zum Glück nicht der Fall, aber es ist ein leicht nachvollziehbares Szenario.
Und das sind interessante Facetten in der ganzen Privatsphäre-Diskussion. Es geht nicht mehr nur um die private vs. öffentliche Sphäre. Es geht darum, wie man seine ganzen Sphären verantwortungsvoll für sich und seine Kontakte handhaben kann – möglichst transparent und ohne den Überblick zu verlieren.


16. Mai 2010 um 11:52
Interessanter Artikel. Lustige Fotos
Ich möchte Dir im Kern gerne zustimmen. Aber möglicherweise hat Zuck garnicht so unrecht.
Wenn ich mit meinen Kollegen anders spreche als mit meiner Familie, und jeder nur ein kleines Teilbild von mir wahrnimmt, wird das Bild, das jeder der Teilgruppen von mir hat, sehr eindimensional. Es ist dann verständlich, warum ich stereotypisch kategorisiert werde.
Während ich dann also auf der einen Seite bedauere, dass ich so gesehen werde, ist auf der anderen Seite mein Kommunikationsverhalten ja ebenso stereotypisch. Ich traue meiner Familie oder meinen Kollegen garnicht zu, dass sie mit den anderen Aspekten meiner Persönlichkeit umgehen können. Ich unterschätze ebenfalls, was sie sein könnten.
Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, stückweise das Fass aufzumachen, und die Bereiche miteinander zu mischen… auf der Arbeit über privates oder künstlerisches zu sprechen, und mit der Familie über die Arbeit. Es war, als hätte ich einen Startschuss gegeben. Auch meine Umgebung ging mehr aus sich heraus, und begann, ihre anderen Seiten zu präsentieren. Jeder konnte sich nun ein ganzheitlicheres Persönlichkeitsbild vom anderen machen.
Ich denke auch, dass es wichtig ist, dass wir uns nicht stereotypisch oder fachbezogen begreifen, damit kein Culture Clash entsteht. Denk mal an den Referendar, der rausgeworfen wurde, weil er in seiner Freizeit in einer kontroversen Metalband spielt. So etwas passiert doch nur, weil wir garnicht an die Idee gewöhnt sind, dass eine Person durchaus mehrere Rollen gleichzeitig haben kann, die sich nicht widersprechen müssen.
Wenn ich meine Facetten nicht jedem potentiell zugänglich mache, dann bin ich nicht Teil der Lösung ™. Das bedeutet, dass ich nicht jedem mein Privatleben oder meinen Beruf aufdränge, sondern dass ich vielleicht mal einen Satz fallen lasse, der begreiflich macht, dass ich kein Pappkamerad bin.
16. Mai 2010 um 12:57
Hi Leonard,
danke für dein Feedback. Spannend, genau das meine ich mit: “Ich persönlich habe gar nichts dagegen, wenn sich diese Welten überschneiden – solange niemand auf die Idee kommt, ich sei auf eine beschränkt. Bei meinen oben genannten Profilen ist wichtig zu erkennen, dass ich alle Profile gleichzeitig bin.“.
Ich habe nichts dagegen, dass jeder alle meine Facetten wahrnehmen kann (weshalb auch so viele davon Online sind), aber ich bin besorgt, dass dabei manchmal der Kontext verloren geht.
Nur die Bilder, auf denen ich mit Leuten und Alkohol auf einer Wiese um eine Schischa herumsitze sitze, sind mir zu simpel. Ich möchte eigentlich gerne dazu vermitteln in welchem Rahmen das war (die erste Breakpoint-Party), wer da sitzt (Ainc, SquoQuo, SD und andere Leute, die ich seit Jahren kenne) und was wir da machen (in der Sonne entspannen und reden, da wir uns monatelang nicht mehr persönlich gesehen haben).
Es geht nicht um Abschottung (wie sie viele in der aktuellen Diskussion um Privatsphäre fordern), sondern es geht um die verantwortungsvolle Wiedergabe meiner Person. Und das geht glaube ich nicht, indem wir einfach alles öffentlich machen, sondern wenn wir uns auch bewusst machen, wie unsere Handlungen außerhalb des direkten Kontexts wirken und wie wir sie dennoch begreiflich machen können.
16. Mai 2010 um 13:09
Und der von dir angesprochene Fall von Thomas Gurrath, Frontman von Debauchery und Ex-Referendar ist spannend. Ich hatte überlegt, ob ich ihn in den Artikel aufnehme, aber er ist auch so schon lange genug.
16. Mai 2010 um 14:46
Guter Post, sehr spannendes Thema! Achtung, jetzt kommt eine These die ggf. etwas provokativ, mit Sicherheit aber etwas abgehoben ist:
Vielleicht, nur vielleicht, sind die sozialen Medien, wie wir sie im Moment erleben, das Ventil einer “Leistungsgesellschaft” in der man mehr Wert darauf legt, dass ein Mensch funktioniert und nicht, dass er “Mensch” ist (klingt abgedroschen, ich weiß). Plötzlich ist ein Raum da, in dem man sich selbst zeigen kann, ohne sich direkt aufzudrängen – mit gebotener Distanz, aber dennoch sehr privat. Diese Kombination ist im “echten Leben” fast unmöglich. Man rückt anderen nicht auf die Pelle, sondern kann durch eine Art “Schaufenster” begutachtet werden. Und dadurch, dass es jeder macht, dass es ein Trend wird, wird es plötzlich wieder angesehen, auch “privat” zu sein, “Mensch” zu sein. Es überträgt sich in’s reale Leben. Vielleicht wird es sogar plötzlich gefordert, denn man merkt – wow, das macht die Leute ja viel authentischer als wenn sie einfach nur leere Gesichter mit “Bürolächeln” sind.
Nur ein Gedanke. Wie auch immer – ich gebe dir in jedem Fall recht, dass der User letztlich immer die Möglichkeit haben sollte selbst zu entscheiden, was er wann und in welchem Personenkreis zeigt. Es ist völlig normal und gehört zu einer funktionierenden Gesellschaft, dass man Verhaltensweisen anpasst. Aber wenn die Grenzen etwas aufweichen, und dabei hilft Social Media, ist es vielleicht gar nicht so verkehrt. Beim nächsten Community-Manager-Stammtisch möchte ich dich dann aber auch bitte in deinem Community-Manager-Outfit sehen.