Adobe will bei digitalen Magazinen auf Tablets ganz vorne mitmischen. So schreiben sie selbst auf ihrer “Digital Publishing”-Seite:

Adobe is building on the foundation of Adobe® Creative Suite® 5 and Omniture® technologies to deliver an open, comprehensive Digital Publishing Platform. This innovative platform consists of applications, technologies, and services that allow publishers to cost effectively author, produce, and distribute groundbreaking content to the broadest possible audience on a wide variety of digital devices. With this platform, Adobe is helping publishers and advertisers revolutionize how they create and deliver digital content, and how their audiences consume it.

Entsprechend haben sie gestern ihre “Digital Viewer Technology for Magazines” angekündigt, auf der auch die erste Ausgabe des Wired für das iPad basiert. Als Erfinder des Quasi-Standards für Printdokumente auf Computern (PDF) und inzwischen Eigentümer der führenden Rich Media-Plattform (Flash) scheint Adobe geradezu prädestiniert für den neuen Bereich des digitalen Publishings auf Tablets. Doch werfen wir mal einen genaueren Blick auf das angesprochene Wired-Magazin.

Erste Gehversuche kamen nicht auf die Beine

In Zusammenarbeit mit Condé Nast baute Adobe zunächst ein Konzept, um das Wired Magazin auf das iPad zu bringen. Bedauerlicherweise stellte sich das vorgestellte Konzept als nicht brauchbar heraus, denn es basierte auf Adobes Flash-Platform. Flash hingegen sieht Apple gar nicht gerne auf dem iPhone OS und verbietet nicht nur die Flash-Plattform selbst, sondern hat vor kurzem auch Adobes neuer Flash-to-iPhone Lösung einen Riegel vorgeschoben, bevor diese überhaupt erschien . Condé Nast und Adobe mussten sich also sehr schnell etwas anderes ausdenken.

Der zweite Versuch steht

Das Wired Magazine kam schließlich doch noch für das iPad:

Man mag sich fragen, wie Adobe und Condé Nast so schnell eine Lösung aus dem Hut zaubern konnten, nur knapp 4 Wochen nachdem alle Stricke von Apple durchtrennt wurden. Wenn man sich die Wired-App in Apples AppStore einmal genauer ansieht, vermutet man es aber schon:

 

Antwort: Sie haben es zusammengepfuscht. Eine Größe von 527 MB ist völlig jenseits der Vertretbarkeit für ein Magazin auf dem iPad. Wir reden hier von einem Gerät, das nur über einen begrenzten, nicht erweiterbaren Speicher verfügt: 16, 32 oder 64 GB (wobei 2 GB davon jeweils für das System reserviert sind). Angenommen jede Ausgabe von Wired verbraucht etwa 500 MB, so wäre nach nur einem Jahr knapp die Hälfte des Speichers der kleinen iPad-Variante belegt. Ganz abgesehen davon, dass niemand 500 MB gern über UMTS herunterladen möchte.

Doch wieso ist das Magazin nur so groß? Zum Vergleich: die Spiegel-App belegt 5.7 MB, Die Welt auf dem iPad immerhin 15,4. Nicht grafisch genug? Popular Science+ belegt trotz Bilderflut nur 20,2 MB. Also wie kommt’s?

Jon Gilkison hat das Magazin auseinander genommen und die Ergebnisse auf seinem Blog veröffentlicht. Zusammenfassung: Die erste Ausgabe des digitalen Wired besteht im Grunde aus 4.109 Bildern mit insgesamt 397 MB. Richtig, jede einzelne Seite ist ein Bild. Genau genommen zwei Bilder, schreibt Jon, eins mit horizontaler, eins mit vertikaler Orientierung. Auch alle aktiven, animierten Elemente sind nur eine Serie von Bildern.

Zweifelhafte Schritte

Ich kann verstehen, dass Adobe und Condé Nast verzweifelt waren. Sie hatten sich bzw. wurden von Apple in eine unangenehme Situation manövriert und hatten trotz hypeträchtiger Ankündigung kein Produkt vorzuweisen. Eine Alternative musste her – und zwar schnell. Aber einfach lauter hochauflösende Screenshots der Anwendung zu machen und mit der heißen Nadel zusammenzustricken, so verzweifelt konnten sie doch gar nicht sein. Und nun stellt sich Adobe hin und will uns dieses Konstrukt als neue Revolution verkaufen?

Ich kann auch die Verlage verstehen. Die finden es wahrscheinlich sehr attraktiv ihre Illustrator- / InDesign-Dokumente für die Printausgabe einfach 1:1 für eine digitale Ausgabe nutze zu können (zumindest als Ausgangspunkt). Das ist aber aus vielen Gründen nicht schlau. Beim Wechsel in ein anderes Medium kann man zwar den Inhalt transportieren, aber die Form nur sehr, sehr schlecht. Das Ganze erinnert mich persönlich an die frühen Versuche Webseiten auf Basis von Printdesigns zu bauen. Funktioniert hat das schon damals nicht.

Das digitale Wired für das iPad scheint zwar wirtschaftlich ein Erfolg zu sein, technisch gesehen ist es das aber sicher nicht. Die Lösung ist zwar nett anzusehen, aber auf lange Sicht frage ich mich wie sich ein Magazin ohne indizierbaren Text, dessen Inhalt nur aus großen Bildern und einer handvoll Videos besteht, durchsetzen wird. Und warum müssen wir die Diskussion über Zugänglichkeit und Barrierefreiheit eigentlich nochmal führen?

Ich kenne Adobes Digital Viewer-Tools (noch) nicht. Dennoch hoffe ich, dass diese mehr können als nur Bilder dynamisch zu positionieren. Was wir nicht brauchen ist ein Image-Viewer, der sich als neues Produkt tarnt. Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn die erste Ausgabe des Wired einfach nur ein PDF gewesen wäre – immerhin hätte man dann den Text durchsuchen können. Was wir brauchen sind Tools, die einen breiten Unterbau für neue, zukunftsorientierte, noch unbekannte Konzepte im Bereich digitales Publishing bereitstellen. Tools, welche Inhalte flexibel verwalten und darstellen können. Tools, die nicht nur dem Konzepter, Designer oder Redakteur, sondern auch den Lesern eines Magazins (Buchs, Katalogs, etc.) die Freiheiten geben, die sie inzwischen von digitalen Produkten gewohnt sind.

Adobe, ich hoffe wirklich, dass eure Tools wirklich helfen können kreative Lösungen zu liefern. Ansonsten werden sie nur als Übergangslösung in Erinnerung bleiben.

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