Manchmal braucht es keine App
22. Juni 2010
“Wieso glauben so viele, dass sich Entwicklung für das #iPad nur auf Apps reduziert? Eine angepasste Webseite / Webapp ist oft besser.”
Dieser Tweet bringt auf den Punkt, was ich zunehmend denke. Und eigentlich gilt selbiges auch für das iPhone und den iPod Touch. Insbesondere die ganzen digitalen Magazine auf dem iPad haben mich in letzter Zeit immer wieder fragen lassen: “Wieso ist das eigentlich eine native App?”
Focus Online und Die Welt zeigen so wie so fast 1:1 den Inhalt, den man auch auf ihren Webseiten findet und funktionieren nur vollständig, wenn man auch online ist. Der Spiegel, iKiosk, das BMW Magazin und Schnelle Küche zeigen mehr oder weniger dynamische Screenshots und manchmal auch ein Video, die man sich immerhin auch offline anschauen kann. brand eins ist das einzige Magazin, dass seinen Inhalt ein bisschen aufbereitet (Lesemodus) und (oh Wunder) verfügt als einziges Magazin über eine Volltext-Suche. Nur bei Spiegel und Welt kann man Content-Hilfen des iPad vernünftig benutzen (Voice-Over etc.). Bei keinem (!) kann man Text einfach markieren. Die Möglichkeiten Inhalte digital zu empfehlen sind eingeschränkt: viele bieten Email-Versand, manche immerhin Twitter und Facebook – alles andere ist außen vor. Lesezeichen sind leider auch nicht die Regel.
Auf den Webseiten bzw. Portalen der ganzen genannten Magazine funktioniert das alles von Haus aus einwandfrei:
- Richtiger Text, den ich auch markieren kann und den das iPad für Content-Hilfen erkennt? Check.
- Bilder in Artikeln, sowie Bildergalerien in klein und in Vollbild? Check.
- Videos, eingebettet in Artikel oder in Vollbild? Check.
- Kontrolle über Layout und Navigation? Check.
- Text einfach durchsuchbar? Check.
- Einfache Möglichkeit den Inhalt zu sharen? Check.
- Bookmarks? Check.
Wer sich an dem Punkt “Kontrolle über Layout und Navigation” stört, der möge mir bitte eins der genannten Magazine zeigen, welches sich so nicht im Web umsetzen lassen würde. Nicht überzeugt? Hier der Sports Illustrated Prototyp, basierend auf HTML5:
Alles klar? Daher meine Frage: wieso sind das alles Apps, wenn sie mir noch nicht einmal die Features von Webseiten bieten?
Let’s talk Web apps
Fairerweise muss ich sagen: das Problem gilt nicht nur für digitale Magazine. Dort sind die Probleme offensichtlich, da es sich im Grunde um ähnliche Inhalte wie im Web handelt. Im Grunde gilt aber auch für alle anderen Apps: wieso keine Webanwendung? Kann mir zum Beispiel jemand erklären wozu ich eine eBay-App für das iPad brauche, wenn die Webseite einwandfrei funktioniert?
Also, lasst uns über Webanwendungen reden.
Vorteile von Webapps (im Gegensatz zu nativen Apps)
- Keine Freigabe durch Apple, damit auch keine Wartezeit und keine Probleme mit möglicher Zensur
- Keine notwendige Anmeldung am Entwicklerprogramm, dadurch keine $99/Jahr bzw. $299/Jahr
- InHouse Deployment bzw. geschlossene Benutzergruppen ohne weiteren Aufwand
- Keine Beschränkung der Entwicklungs- und Testgeräte (Anzahl und Funktionalität)
- Keine 30% Revenue Share an Apple
- Updates können selbst eingespielt werden, ohne weitere Freigaben und sind sofort für alle Nutzer verfügbar
- Alle iPad-Content-Features automatisch verfügbar, zum Beispiel Cut & Paste, Suche etc.
- Eigene Web-Infrastruktur kann genutzt werden (falls vorhanden)
- Direktes Tracking von Sessions etc.
- A/B Testing, Personalisierung und alle anderen Vorteile des Web
Nachteile von Webapps (im Gegensatz zu nativen Apps)
- Kein direkter Zugriff auf die Hardware (3D-Beschleunigung, Neigungs- und Umgebungslichtsensoren)
- Nur mit Online-Zugang nutzbar
- Keine Präsenz im App Store, also keine Verbreitung / Reichweite durch Apple
- Eigenverantwortlich für Verfügbarkeit und Abrechnungssystem
Der Punkt “Keine Präsenz im App Store, also keine Verbreitung / Reichweite durch Apple” ist einer der ersten, der immer wieder erwähnt wird. Allerdings garantiert eine App im App Store noch kein Erfolg. Apps im App Store sind hauptsächlich während der ersten 2 Wochen erfolgreich, wenn sie noch in der “News”-Liste stehen, maximal 0,79€ kosten und es in die Top10-Liste ihrer Kategorie schaffen. Alle anderen? Eher weniger. Einmal in den Tiefen des App Store verschwunden ist man so wie so auf eine direkte Suche durch die Nutzer angewiesen. Da können Nutzer auch gleich eine URL eingeben.
Als Entwickler kann ich mir also die Frage stellen: Benötigt die Anwendung 3D-Beschleunigung oder muss sie die Neigung des Gerätes wissen? Kann man davon ausgehen, dass der Benutzer während der Benutzung meiner App immer online ist? Falls ja, dann kann man sehr wahrscheinlich die App auch als Webanwendung entwickeln.
Typische Beispiele sind: Feedreader, Mailprogramme, Social Network Apps und Clients, Online-Kataloge, Shops, Kalender und Notizen (die sich bereits mit Online-Diensten synchronisieren) und so weiter. Schöne Beispiele für Apps als Webanwendung zeigt zum Beispiel Google mit Gmail oder Google Voice.
Bei der Entwicklung ist der letzte Punkt die einzige Hürde: traue ich mir wirklich zu meine App selbst zu hosten und (falls nötig) ein eigenes Abrechnungssystem zu betreiben? Zum Glück gibt es für die technische Abwicklung Dienstleister, aber ich muss mir als Entwickler oder Unternehmen im Klaren sein, dass die Verantwortung für Implementation und Funktionalität letztendlich bei mir liegt.
Tools & Frameworks
Inzwischen ist man auch nicht völlig auf sich alleine gestellt, wenn man Webanwendungen für mobile Geräte schreiben will. Sencha Touch ist beispielsweise ein Framework, um auf mobilen Geräten Web-Applikationen zu erstellen, die sich vom Look & Feel her nahe an iOS bzw. Android orientieren. Animationen und Verhalten der Elemente ist direkt integriert. Die Demos sind sehr vielversprechend und schließen selbst Spiele mit ein.
Apple selbst will in Zukunft ein Framework für Webawendungen veröffentlichen, hat bisher jedoch nur Codenamen verlauten lassen. In Aktion sehen kann man es allerdings auf jedem iPad durch den ”iPad User Guide” anschauen, der als Bookmark in Safari gespeichert ist:
Dazu kommen noch die HTML5 Demos auf der Apple-Webseite, die leider dank genutzten WebKit-Erweiterungen nur mit Safari nutzbar sind (was für Webanwendungen auf dem iPhone / iPod Touch / iPad keine Rolle spielt).
Neben diesen beiden gibt es noch viele weitere Frameworks und Tools, zum Beispiel iWebKit, iUI, UiUIKit, WebApp.Net und viele mehr.
Fazit
Es gibt mittlerweile eine gute Auswahl an Frameworks und Tools für Webanwendungen auf iOS. Mehrere Browser verfügen inzwischen über großartige Debugger und Werkzeuge, die JavaScript-Entwicklung nicht weniger komfortabel machen, als Desktop- bzw. App-Entwicklung. Dadurch wird die Entwicklung von Webanwendungen nicht automatisch teurer als die von Apps. Kurz: es gibt aktuell keine technischen oder wirtschaftlichen Gründe, die gegen eine Webanwendung sprechend würden.
Was bleibt sind rein praktische Abwägungen für eine Webanwendung oder eine App. Und hier greift die oben genannte Liste und reduziert sich auf die bereits genannten Fragen.


7. August 2010 um 06:46
[...] viele andere Probleme gleich mit) würde sich erst nicht stellen, wenn die Verlage einfach eine Webanwendung nutzen würden. Abrechnungs- und Aboverwaltung sind bereits in den Portalen größerer Verlage [...]
15. Mai 2011 um 08:51
[...] der HTML5-Experimente auf dem iPad versucht hat, kennt diese Probleme bereits. Ich bin aber trotzdem immer noch der Meinung, dass HTML5-Anwendungen auf dem iPad sinnvoll sind und insbesondere im Bereich von Magazinen und [...]